Wir müssen feststellen, dass die Stimmung in einigen Klassen zurzeit geprägt ist von Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen gegenüber. Notwendiges Unterrichtsmaterial wird nur von wenigen Schüler/innen mitgebracht. Die Gewaltbereitschaft gegen Sachen wächst: Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Flurwänden gerissen. Werden Schüler/innen zur Rede gestellt, schützen sie sich gegenseitig. Täter können in den wenigsten Fällen ermittelt werden. Laut Aussage eines Schülers gilt es als besondere Anerkennung im Kiez, wenn aus einer Schule möglichst viele negative Schlagzeilen in der Presse erscheinen. Die negative Profilierung schafft Anerkennung in der Peer-Group. Unsere Bemühungen die Einhaltung der Regeln durchzusetzen treffen auf starken Widerstand der Schüler/innen.
Diesen Widerstand zu überwinden wird immer schwieriger. In vielen Klassen ist das Verhalten im Unterricht geprägt durch totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten. Lehrkräfte werden gar nicht wahrgenommen, Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert.
Einige Kollegen/innen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können.
Die Folge ist, dass Kollegen/innen am Rande ihrer Kräfte sind. Entsprechend hoch ist auch der Krankenstand, der im 1. Halbjahr 05/06 höher war als der der Schüler/innen. Ein Zeichen der unerträglichen Belastung. Einige Kollegen/innen stellen seit Jahren Umsetzungsanträge, denen nicht entsprochen wird, da keine Ersatzkräfte gefunden werden.
Auch von den Eltern bekamen wir bisher wenig Unterstützung in unserem Bemühen Normen und Regeln durchzusetzen. Termine werden nicht wahrgenommen, Telefonate scheitern am mangelnden Sprachverständnis.
Wir sind ratlos(…)
Wenn wir uns die Entwicklung unserer Schule in den letzten Jahren ansehen, so müssen wir feststellen, dass die Hauptschule am Ende der Sackgasse angekommen ist und es keine Wendemöglichkeit mehr gibt. Welchen Sinn macht es, dass in einer Schule alle Schüler/innen gesammelt werden, die weder von den Eltern noch von der Wirtschaft Perspektiven aufgezeigt bekommen, um ihr Leben sinnvoll gestalten zu können. In den meisten Familien sind unsere Schüler/innen die einzigen, die morgens aufstehen. Wie sollen wir ihnen erklären, dass es trotzdem wichtig ist, in der Schule zu sein und einen Abschluss anzustreben? Die Schüler/innen sind vor allem damit beschäftigt, sich das neueste Handy zu organisieren, ihr Outfit so zu gestalten, dass sie nicht verlacht werden, damit sie dazugehören. Schule ist für sie auch Schauplatz und Machtkampf um Anerkennung. Der Intensivtäter wird zum Vorbild. Es gibt für sie in der Schule keine positiven Vorbilder. Sie sind unter sich und lernen Jugendliche, die anders leben, gar nicht kennen. Hauptschule isoliert sie, sie fühlen sich ausgesondert und benehmen sich entsprechend.
Deshalb kann jede Hilfe für unsere Schule nur bedeuten, die aktuelle Situation erträglicher zu machen. Perspektivisch muss die Hauptschule in dieser Zusammensetzung aufgelöst werden zugunsten einer neuen Schulform mit gänzlich neuer Zusammensetzung.
So schrieb es die Schulleiterin am 28.02.2006 in ihrem berühmt gewordenen Brandbrief über die Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln. In den Medien war sie plötzlich überall präsent.
“Rütli – das ist das neueste Symbol der gescheiterten Integration von Migranten oder, genereller, der Verwahrlosung der Institution Hauptschule“, schrieb beispielsweise Spiegel online am 31. März 2006. Der Artikel berichtet vom Abstieg der eistigen kommunistischen Vorzeige-Reformschule der 1920er, die nach dem 2. Weltkrieg zu einer ganz normalen Hauptschule wurde: Durch die Arbeitslosigkeit ganzer Familien und dem damit einhergehenden Verlust von Eltern als Vorbildern, durch einen rapiden Anstieg der Migrantenquote von 33 % 1984 zu 83 % 2006, auf den die Schule nicht vorbereitet war, und eine immer größere Perpektivenlosigkeit auf Ausbildungsplätze nach dem Abschluss. “Die Gewalt an der Schule nahm zu, die Abbrecherrate ebenso – und genau so die Angst und der Frust der Lehrer.“
Auf den Brandbrief reagiert man unterschiedlich: Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft forderte “ein integriertes Schulsystem, in dem Demokratie und soziales Verhalten gelernt und gelebt werden”, sprich: die Gesamtschule.
Zeit online vergleicht die Rütli-Schule in ihrem Artikel vm 06.04.06 mit der Werner-Stephan-Schule in Berlin-Tempelhof, die 1978 vor dem gleichen Problem stand. Dort hat sich eine Menge bewegt: Heute ist es – u.a. dank dem Lehrer Siegfried Arnz, der später Rektor wurde – eine Vorzeigeschule:
Auf die Werner-Stephan-Schule gehen 300 Schüler. Wer neu von der Grundschule kommt, kann sich unter den Vertrauensschülern einen aussuchen. Einen Paten. An den kann er sich wenden, wann immer er Probleme hat, mit Eltern, Mitschülern, Lehrern. Zu Beginn jedes Schuljahrs kommen die Klassensprecher zusammen und formulieren das Schulversprechen. Im vorigen August schrieben sie Sätze wie: »Ich respektiere meine Mitschüler/innen«. Oder: »Ich werde mein Handy vor Unterrichtsbeginn ausschalten.« Oder: »Ich bestehle meine Lehrer und Mitschüler/innen nicht.« Dieses Versprechen bekam jeder Schüler vorgelegt, wer wollte, konnte unterschreiben. Praktisch alle haben unterschrieben.
Neben Vertrauensschülern, die zu Streitschlichtern ausgebildet wurden, Patenschaften für jüngere Schüler und selbstformulierten Schulversprechen, gab es u.a. drei beachtliche Maßnahmen, die eingeführt wurden als Arnz schon Rektor war:
Sie haben das Sitzenbleiben abgeschafft. »Weil es fatal ist für den Unterricht, wenn 14- und 17-Jährige in einer Klasse sitzen.«
Sie haben eingeführt, dass jeder Lehrer nur noch in Klassen Vertretungsstunden übernimmt, die er kennt. »Weil Lehrer meist mit Schülern Probleme haben, mit denen sie nicht vertraut sind.«
Sie haben die Unterrichtsstunde von 45 auf 40 Minuten verkürzt. »Weil dadurch jeder Lehrer pro Woche drei Stunden mehr Zeit hat – und auf diese Weise auch zusätzliche Nachmittagsangebote übernehmen kann.«
Siegfried Arnz sollte 2006 nun auch der Rütli-Schule helfen. Wird es gelingen? Der Artikel berichtet auch von Joan, der von der Schule verwiesen wurde, weil er Mitschüler zusammengeschlagen hat und nun nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll; und von Patrick, dem einzigen Deutschen in seiner Klasse, der sich erst sein Recht verschaffen konnte nachdem er einen Boxkurs besucht und dadurch auch mehr Selbstbewusstsein gewonnen hat. Und von der Schulleiterin Petra Eggebrecht, die den Brandbrief verfasst hat:
Sie hat sich an ihren Küchentisch gesetzt und diesen Brief an die Schulaufsicht geschrieben. Die Sekretärin hat ihn abgetippt und jedem Lehrer ins Fach gelegt. Alle haben zugestimmt. Manche Formulierung hat Eggebrecht auf Wunsch des Kollegiums noch verschärft. Statt »Gegenstände fliegen durch die Luft« schrieb sie: »Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte.«
Vier Wochen später gelangte der Brief an die Öffentlichkeit, und auf einmal waren die Zeitungen und Fernsehsendungen voll mit Berichten von der Rütli-Schule. Ob sie nicht manche Beiträge etwas übertrieben gefunden habe? Petra Eggebrecht denkt einen Moment nach.
Dann sagt sie: »Nein. Eigentlich fast keine.«
Noch am Tag vor dem Erscheinen des Zeit-Artikels sagte die ehemalige Schulleiterin Brigitte Pick in einem Interview mit der taz aber das Gegenteil:
taz: Frau Pick, in der Boulevardpresse heißt die Rütli-Schule nur noch “die Gewalt-Schule”. Ist das die Schule, die Sie kennen?
Brigitte Pick: Nein und abermals nein. Vieles in den Medien ist massiv übertrieben. Auch der Polizeischutz, den Schulsenator Klaus Böger veranlasst hat, war völlig unsinnig. Wenn Pressevertreter Kinder mit Geld zum Steinewerfen animieren, wundert mich nichts mehr. Mir ist sogar zu Ohren gekommen, dass Reporter Steine mitgebracht haben sollen. Das ist keine Terrorschule. Das ist Medienterror. (…)
Was bedeutet der Medienrummel für die Zukunft der Rütli-Schule?
Ich fürchte, dass der Schule ihr ruinierter Ruf über Jahre anhängen wird. Was so ein Brief in der Öffentlichkeit anrichten wird, hätten dem Lehrer-Kollegium bewusst sein müssen. Ich werde in diesen Tagen ständig auf die Schule angesprochen. Es schlägt mir ein Ausländerhass entgegen, da wird mir schlecht. Edmund Stoiber, der bayerische Ministerpräsident, hat ja schon vorgeschlagen, die Jugendlichen einzusperren.
Sein Parteifreund Pflüger bevorzugt die Abschiebung.
Ja. Es gibt einige Rütli-Schüler, die hinter Gittern gelandet sind – aber auch das seit Jahrzehnten. Armut macht nun mal eher kriminell. Ich erinnere mich noch an ein deutsches Mädchen, das hat Taxis überfallen. Heute ist sie Sozialarbeiterin.
Und wie ging es wirklich weiter? Heute ist die Rütli-Schule wieder eine Vorzeigeschule, “der neue Liebling der Bildungspolitik“, wie es Zeit online am 01.02.2008 ausdrückt. Der Artikel kritisierte übrigens auch, dass auch andere Hauptschulen diese neue positive Aufmerksamkeit brauchen könnten.
Mittlerweile hat die Rütli-Schule einen erstaunlichen Wandel hinter sich: keine Gewaltausbrüche mehr, stattdessen Kooperationspartner von der Deutschen Bahn bis zur Freudenberg-Stiftung, mutige pädagogische Konzepte und jede Menge Politiker, die auf Stippvisite vorbeischauen. Zuletzt war die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, da. Und als Rütli-Schüler einer überfallenen TV-Moderatorin das Leben retteten, lud Angela Merkel sie zur Ehrung ins Kanzleramt. In der Turnhalle steht eine neue Kletterwand, private Sponsoren haben es möglich gemacht. Es scheint so, als wollten Politik und Gesellschaft am Negativbeispiel Rütli-Schule ein positives Exempel statuieren. »Das Signal, das von Rütli ausgeht, ist: Eine Wende ist möglich«, sagt Rektor Dzembritzki, ein noch junger, energischer Mann mit Geheimratsecken. Als er von der Schulmisere in Neukölln hörte, arbeitete er in Schleswig-Holstein, war Beamter auf Lebenszeit. Doch der gebürtige Berliner zögerte nicht lange und bewarb sich auf die Rektorenstelle, die mehr an einen Schleudersitz erinnerte. Er war der einzige Interessent. »Eine Wende ist möglich«, wiederholt er mit Nachdruck, setzt sich kurz hin, steht wieder auf. »Wenn wir es nur wollen und hart dafür arbeiten.«
Auch an der benachbarten Kurt-Löwenstein-Schule wird hart gearbeitet. Ohne Medienrummel und Polizeibewachung, auch mit Gewalt und Problemen, aber dennoch mit 87,2 % der Schüler, die die Schule mit Abschluss verlassen.
Die Kurt-Löwenstein-Schule hat laut Senatsinformationen einen Migrantenanteil, der noch über dem der Rütli-Schule liegt, Bildungsferne, Arbeitslosigkeit und Alkoholprobleme prägen viele Elternhäuser. Doch anders als beim Nachbarn Rütli ist das Schulklima hier nie gekippt. Pawollek [der Rektor, Anm. d.V.] und seine Vorgängerin haben die Schule ohne all die Hilfen, Spenden und Politikerworte nach vorn gebracht, sozusagen im Windschatten der Rütli-Krise und gegen den aus ihr resultierenden Generalverdacht gegen alle Neuköllner Hauptschüler.
Wer wissen will, wie Schulen in Neukölln wirklich sind, ist daher womöglich an der Kurt-Löwenstein-Schule viel besser aufgehoben als bei der berühmt-berüchtigten Nachbarin in der Rütlistraße – auch wenn diese Erkenntnis die Wirklichkeit Neuköllner Schulen plötzlich ungemein komplizierter und vielschichtiger erscheinen lässt: kein dramatisches Scheitern, keine fast schon wundersame Rettung, keine Sonderbehandlung. »Wir sind im Rahmen unserer Möglichkeiten erfolgreich«, sagt Pawollek in seiner nüchternen Art.
Zurück zur Rütli-Schule. Der neue Rektor Dzembritzki bekommt Hilfe von vielen Seiten. Vorallem durch das Projekt Campus Rütli. Das SZ-Magazin berichtet 2010:
Als Projektleiter hat sich Lehnert das pädagogische Design des Campus Rütli ausgedacht, den Heinz Buschkowsky und die Schirmherrin Christina Rau vor zwei Jahren das erste Mal öffentlich vorstellten, und der zeigt, was möglich ist, wenn sich politischer Wille bündelt: Damals hat Klaus Lehnert als Erstes die Rütli-Hauptschule mit der Realschule zusammengelegt, die ohnehin im selben Gebäude untergebracht war. Dann hat er eine Abiturklasse eingerichtet, 2015 erlangen nun die ersten Rütli-Schüler ihre Hochschulreife.
Und in Zukunft sollen auf dem neu entstehenden Campusgelände die Kinder von 8 bis 21 Uhr betreut werden können, von der Kita bis zur Berufsausbildung. Es ist der Versuch, einem abgeschriebenen Ort Hoffnung einzuimpfen: durch pädagogische Reformen, aber auch durch Architektur und Design. [...]
Cordula Heckmann [...] zeigt Besuchern das, was schon entstanden ist: die fünf neu gebauten naturwissenschaftlichen Fachräume zum Beispiel, in denen elektronische Tafeln hängen, sogenannte Smartboards, die man mit interaktiven Stiften ähnlich einer Computermaus bedienen kann.
Auch die Sitzordnung hat sich verändert: Früher waren die Stühle und Tische im Boden festgeschraubt, nur Frontalunterricht war möglich. Heute kann sich jeder Schüler seinen Stuhl und Tisch da hinstellen, wo er gerade arbeitet, unter die Elektro- und Gasanschlüsse beispielsweise, die aus der Decke ragen. Heckmann zeigt auch die neue Mensa und die Kletterwand, an der sich die Jugendlichen beim Aufsteigen gegenseitig anfeuern und beim Abseilen lernen sollen, dem anderen zu vertrauen.
Sie erzählt, dass die Schüler heute individuell betreut werden, dass sie nach dem Unterricht flöten, trommeln, Geige spielen und sogar das arabische Saiteninstrument Saz lernen können. Und sie lockt mit einer Praktikumskooperation zwischen dem Campus Rütli und der Deutschen Bahn.
Es geht voran. Die Geschichte des Campus Rütli kann man hier nachlesen.
Heute hat die Rütli-Schule viel zu bieten und sogar ein eigenes Mode-Label, das aus einem Schulprojekt entstanden ist.
Bei vielen anderen Schulen besteht noch großer Verbesserungsbedarf. Es ist nicht immer Medienrummel nötig um etwas zu verändern. Es können Lehrer. Es können Eltern. Es können Außenstehende. Und vorallem können es Schüler. Aber am Besten alle zusammen.

Auch ich arbeite an einer Schule, die viele Züge der beschriebenen hat. In meiner klasse ist das Verhältnis von Migrantenkindern zu deutschen 20: 3.
Ich glaube keinem einzigen Bericht mehr! Geht mal richtig in die Schulen rein. Nicht nur am Tag der offenen Tür!
Die Bildungsferne ist mehr als erschreckend! Sie ist so groß, dass ich mich mit meinen unzähligen schuljahren jeden tag aufs neue erschrecke und wie dem beizukommen ist, weiß momentan gar keiner! Hört sich jetzt abgegessen an…..bin ich aber nicht, bloß ziemlich realistisch!
Vielen Dank für deinen Beitrag! So geht es vermutlich ziemlich vielen. Eben darum habe ich es in meinen Blog aufgenommen, denn da muss etwas verändert werden: Gut, wie es jetzt in Rütli aufwärts geht, aber jetzt müssen viele andere folgen!
Ich arbeite an einer Schule, bei der die Integration von Migranten und auch Behinderten sehr gut geklappt hat, aber unser Migrantenkinderanteil ist auch bei Weitem nicht so hoch.
Da ich das nur neben dem Studium mache (kein Lehramt), kenne ich mich nicht 100%ig aus: Kann man denn (außer als Praktikant/Referendar/usw.) einfach so an eine Schule und sich den Unterricht ansehen? Doch eher nicht, oder?
Nur so reinspazieren geht nicht, aber wenn du an einer Uni bist, kann man Hospitationen doch unter irgendeiner pädagogischen Fragestellung bestimmt anleiern. Am einfachsten wäre es, du kennst jmd. an einer schule. Du bist in München ?
Schade, ziemlich weit weg…..
Das stimmt natürlich und ist eine gute Idee. Vielleicht kann ich im Vorhinaus auch etwas über die Schulen und ihre Problemfelder herausfinden, wobei das die Wenigsten tatsächlich einfach so nach außen tragen, nehme ich an. Auch hier an den Münchner Schulen kenne ich mich leider überhaupt nicht aus, weil ich nur zum Studium hergekommen bin…